Wechselspiel

Juha van Ingen, (Dis)integrator, 1992, 3:40 min, courtesy the artist


Nehmen Sie das Fernsehen. Was passiert da? Eine Kette von Elektronen, Ton- und Bildimpulsen werden durch Drähte in die Luft übertragen. Die Fernsehkamera ist der Disintegrator.
Ihr Gerät entschlüsselt oder integriert die Elektronen wieder in Bild und Ton.

- Ja, aber das hier ist etwas anderes

Diese kurze Dialogsequenz aus einem Science-Fiction-Film der 1950er Jahre („The Fly“ von Kurz Neumann) wiederholt sich in Juha van Ingen kurzem Video-Clip wieder und wieder, bis sich Bild und Ton schließlich in Rauschen auflösen. Was passiert hier? Van Ingen interpretiert das Filmzitat, das die Entstehung von Bild und Ton auf dem Fernsehbildschirm beschreibt, sozusagen rückwärts: während das Fernsehgerät die einzelnen verstreuten Signale und Elektronen, die es empfängt, wieder zu einem zusammenhängenden Bild mit Ton zusammensetzt, kopiert van Ingen diese Bilder von einer Videokassette auf die andere so lange, bis sie sich wieder in einzelne Signale und Elektronen auflösen, die zu vage sind als dass das Gerät sie sinnvoll entschlüsseln könnte. Eine frühere Version dieser Arbeit wurde im Rahmen der VIDEONALE.5 (1991) im Bonner Kunstverein gezeigt, zu einer Zeit als die Präsentation von VHS-Kassetten noch Standard war.

Mit seinem Bildexperiment steht van Ingen stellvertretend für eine frühe Generation von Videokünstler:innen, die sich mit der Beschaffenheit des Videobildes im Vergleich zu anderen Formen der Bildproduktion- und wahrnehmung künstlerisch auseinandergesetzt haben. Naheliegend ist sicher der Vergleich mit der Produktion von Filmbildern, aber auch Vergleiche zur Entstehung von Bildern in der Malerei oder der Fotografie sind durchaus virulent. Woraus setzt sich ein Bild zusammen und wieviel Information bedarf es, dass wir es erkennen? Mit Blick auf die heutigen Möglichkeiten der digitalen Bildproduktion stellt sich diese Frage nochmal in ganz eigener Weise.

Wechselspiel

4. - 30. Juni 2024 - Kleines Auditorium im Kunstmuseum Bonn

Juha van Ingens Videoarbeit bildet damit den Auftakt eines wechselseitigen Eintauchens in die Archive bzw. die Videokunstsammlungen von Videonale und Kunstmuseum Bonn, die jeweils ein umfangreiches Konvolut sowohl früher als auch aktueller Videokunst beherbergen, bis zur Eröffnung der VIDEONALE.20.

Seit 2005 präsentiert die Videonale – Festival für Video und zeitbasierte Kunstformen alle zwei Jahre eine Ausstellung mit internationaler Videokunst, begleitet durch ein vielfältiges Festivalprogramm, im Kunstmuseum Bonn. Vom 11. April bis 18. Mai 2025 findet die 20. Videonale im Museum und an verschiedenen Orten in der Stadt Bonn statt; das Festival feiert damit sein 40-jähriges Jubiläum.

Im Online-Videoarchiv der Videonale sind über 300 Videowerke aus 40 Jahren Festivalgeschehen dauerhaft einsehbar: archive.videonale.org

Sie befinden sich hier: Videonale Verein / Projekte / Wechselspiel